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 Die "Seehirsch"

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Leanna Schwarzhain

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Anzahl der Beiträge : 28
Anmeldedatum : 11.10.16
Alter : 17
Ort : auf dem Weg nach Weißwasserhafen

BeitragThema: Die "Seehirsch"   Do Okt 13, 2016 8:35 pm

FIRST POST

Es war der dritte Tag auf See und der sechste auf ihrer Reise nach Weißwasserhafen. Drei Tage hatte der Ritt zum Hafen gedauert, wo ein Schiff der Königsflotte die Verlobte des rechtmäßigen Königs von Westeros, Leanna Schwarzhain empfangen hatte. Die Kajüte hatte man für die junge Lady hergerichtet und hier hatte sie den ersten Tag der Schifffahrt verbracht, immer im Kampf mit ihrem Magen, der das Auf und Ab der Wellen nicht gewohnt war. Doch jetzt, zwei Tage später, war die Übelkeit abgeklungen, ihr Schritt war nicht mehr wacklig und unsicher wie zuvor und das sanfte Hin und Her des Schiffes auf dem Wasser verhalf ihr am Abend, schneller einzuschlafen.
Nun saß sie mit ihren zwei Zofen Eva, einer hageren älteren Frau, die gleichzeitig auch Leannas Amme gewesen war, und Ilissa, einer jungen, runden Schönheit, in ihrer Kajüte und stickte. Die Handarbeit war eine ihrer liebsten Beschäftigungen und trug stets dazu bei, sie zu beruhigen. Seit Tagen schon drehten sich ihre Gedanken um nichts anderes mehr als ihre bevorstehende Eheschließung mit Stannis Baratheon. Auf den Vorschlag von Seiten ihres Vaters war sie zunächst entsetzt eingegangen. Das Entsetzen hielt noch immer an, doch die praktischen Gründe für diese Ehe waren ihr mehr als bewusst und auch der Grund dafür, warum sie überhaupt zugestimmt hatte. Die Allianz zwischen Baratheons und Schwarzhains würde einen Krieg gegen die Frey ermöglichen und obwohl Leanna schon den Gedanken an Gewalt verabscheute, hatte sie jeden Grund, den Niedergang der Freys herbei zu sehnen. Nach dem, was mit Lucas geschehen war... Allein der Gedanke ließ die junge Lady zusammenzucken, woraufhin sie sich mit der Nadel in den Zeigefinger stach. Sofort zog sie die blutende Hand weg, damit der feine Stoff nicht von Blut zerstört wurde.
Kaum sah Eva ihren blutigen Finger, griff sie nach einem Taschentuch und drückte es auf Leannas Wunde. "Seit über zehn Jahren sehe ich Euch schon sticken und Ihr habt Euch noch nie gestochen, M'lady. Was ist passiert?", fragte die Zofe mit ihrer zittrigen Stimme.
Missgeschicke passieren, entgegnete Leanna nur, denn sie wollte nicht über Lucas sprechen. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, wie Ilissa ihr Strickzeug zur Seite legte und dem Gespräch lauschte.
Eva beobachtete ihre Herrin skeptisch. "Ihr habt wieder zu viel über Eure Hochzeit nachgedacht, nicht wahr?" Missbilligend schüttelte sie den Kopf. "Kindchen, Ihr solltet Euch nicht solche Sorgen machen. Stannis mag nicht der Mann sein, von dem Ihr immer geträumt habt, aber er ist pflichtbewusst und gut. Ihr habt nichts zu befürchten." Ihre Amme war die einzige, die Leanna je ungestraft Kindchen genannt hatte.
"Zu schade nur, dass er der einzige Mann ist, den Ihr je haben werdet, M'lady. Was man sich so über ihn erzählt...", mischte Ilissa sich ein. Über die junge Zofe gab es genügend Gerüchte, die immer wieder behaupteten, sie hätte bereits alle Männer auf Burg Rabensbaum gehabt.
"Ein Mann mit Feuer ist nicht gleich ein guter Mann", ermahnte Eva sie. "Die guten Männer sind die..."
Schluss jetzt! Alle beide!, herrschte Leanna ihre Zofen an, legte das Stickzeug beiseite und erhob sich von dem Bett, auf dem sie gesessen hatte. Eva war im Begriff, es ihr nach zu tun, doch mit einer knappen Geste gebot die junge Lady ihr, zu bleiben. Daraufhin verließ sie die Kajüte.
Draußen wehte ihr ein feuchter, salziger Wind entgegen. Mit dem Taschentuch, das Eva ihr gegeben hatte, schützte Leanna ihr Gesicht und begab sich an die Reling. Sie stand gerne hier, ließ sich den Wind um die Ohren wehen und beobachtete wie die Wellen am Schiff zerbrachen. Eine Möwe kreiste weiter draußen über dem Wasser und ließ sich plötzlich herabstürzen, vermutlich auf der Jagd nach einem Fisch. Leanna beobachtete das Schauspiel und versank tief in Gedanken.
Es stimmte. Stannis Baratheon war nicht der Mann, den sie sich erträumt hatte. Er war streng und ernst und hatte überhaupt nichts mit den Helden gemein, von denen Leanna als Mädchen stets geträumt hatte. Doch ihr ging es nicht um Liebe oder Schönheit. Durch diese Ehe trug die junge Lady ihren Teil dazu bei, den Krieg in den Flusslanden endlich zu beenden. Das war der ausschlaggebende Grund gewesen, weshalb sie überhaupt zugestimmt hatte. Denn sie hatte sich das Ende des Krieges bereits herbei gesehnt, als dieser sich gerade erst zu entfalten begann. Nun hatte er sie ihren liebasten Bruder gekostet. Welche Frau würde da nicht zustimmen, durch eine Ehe den Krieg zu beenden? Selbsat wenn es eine Ehe mit einem deutlich älteren und ungeliebten Mann war?
Ein heiseres "M'lady" riss Leanna schließlich aus ihren Gedanken. Es war die Stimme des Kapitäns, eines gedrungenen, bärtigen Mannes mit roten Wangen und einer lauten, kratzigen Stimme. Capt'n, begrüßte Leanna ihn mit einem aufrichtigen Lächeln. Sie mochte den alten Seebär.
"Genießt Ihr die Aussicht?", fragte er und stellte sich neben die junge Lady an die Reling. Sie war größer als er, doch daran war sie gewöhnt. Mit einem unbestimmten Nicken beantwortete sie seine Frage, ehe sie eine eigene stellte. Wie lange noch?
Abschätzend wiegte der Seemann den Kopf. "Vier bis fünf Stunden, vielleicht ein bisschen länger. Kommt auf den Wind an.
Leanna kniff die Augen zusammen, um den Schemen von Weißwasserhafen durch den leichten Nieselregen ausmachen zu können. Es sieht so weit weg aus, gab sie zu bedenken.
Der Kapitän lachte. "Ein Schiff ist schneller als ein Pferd, M'lady, sagte er mit einem Zwinkern. "Ihr habt mein Wort. In fünf Stunden laufen wir im Hafen von Weißwasserhafen ein. Mit einem letzten Lächeln entfernte er sich.
Leannas Finger umfassten den Rand des Schiffes so fest, dass ihr Knöchel weiß hervortraten. Fünf Stunden. Ihre Schonfrist war bald vorbei. Bald würde sie ihrem Verlobten vorgestellt werden. Sie hatte Angst. Doch dieser Krieg musste enden. Und wenn ihre Hochzeit dabei half, dann würde sie es freiwillig ein dutzend Mal tun. Das schuldete sie ihrer Familie. Sie schuldete es ihrem Bruder. Lucas. Sie tat das Richtige. Und als sie dort im Wind an der Schiffsreling stand und das Salzwasser ihr ins Gesicht spritzte, gelang es ihr zum ersten Mal ihre neue Rolle als Verlobte des Königs zu akzeptieren.

tbc: Weißwasserhafen - Der Hafen

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